Laura Langer. Liberty
Der Ausstellungsraum ist aufgeräumt und leer. Das einzige Exponat ist eine große Leinwand. Dort zu sehen ist ein großer, dunkler Kreis. Als Betrachter:in wird man hypnotisch in den Raum gezogen und steuert auf die Leinwand zu, um sich von dem dunklen Loch auf der Leinwand verschlingen zu lassen.
Was zunächst abstrakt anmutet, gibt sich als übergroßes Detail einer Trompete zu erkennen. Das goldene Messing der Trompete gibt die Spiegelung eines Zimmer wider: einen Raum, der aber nicht der Ausstellungsraum ist, denn es ist ein unordentlicher Raum, in dem ein Schuh, ein Berg an Kleidung herum liegen.
Die argentinische Künstlerin Laura Langer bespielt in ihrer Ausstellung Liberty noch einen weiteren Raum im Portikus, den Dachboden. Dort stehen sechs Leinwände aneinander gereiht auf einer Seite. Sie alle zeigen den gedrehten fotografischen Druck eines unordentlichen Zimmers. Über die Bildoberflächen verläuft eine halbtransparente orangene Farbschicht und die Frage: Und Ihr? Diese Worte stehen mal oben, mal unten, mal verkehrt herum auf der Leinwand. Sie stammen aus einem österreichischen Propaganda-Plakat aus dem Ersten Weltkrieg und zeigten in diesem Zusammenhang einen Soldaten im Schützengraben liegend. Die Frage Und Ihr? sollte dort dem Betrachter:in ein schlechtes Gewissen bereiten: Was hatten sie denn während des Krieges geopfert?
Diese Frage, so die Künstlerin Laura Langer, ist so einfach und direkt, im gleichen Moment aber unanständig und bevormundend. Und sie funktioniert auch heute: was trage ich eigentlich dazu bei, die Welt in Ordnung zu bringen? Gerade der Moment des Anfangs, der Entschluss, etwas zu verändern, ist der lähmende Moment. Sei es das Aufräumen eines Zimmers, das Treffen von Entscheidungen, man ist paralysiert zwischen dem Gedanken und der Tat.
Die Unordnung des Zimmers in der Spiegelung der Trompete kann als Metapher für diese vielen Stimmen stehen und als Metapher für das eigene innere Chaos. Die Bilder auf dem Dachboden können für das Verdrängte im eigenen Inneren stehen.
Im Inneren eines jeden schwirren und manifestieren sich die vielen Stimmen von Außen - doch wie sind diese Stimmen von der eigenen zu unterscheiden? Wobei handelt es sich um eigene Ideen und Werte und welche hat man von seiner Familie und seinem Umfeld mitgegeben bekommen?
Konditionierungen und Kontrolle, Handlungsanweisungen fließen von überall ein und welche möchte man behalten und kultivieren, und von welchen sollte man sich besser trennen? Und vor allem, wann beginnt man mit dieser Änderung? In jedem steckt eine moralische Instanz, die unser Handeln und dessen Auswirkungen bewertet - also ist dann auch die Freiheit, Liberty, wie der Titel der Ausstellung suggeriert, eine Illusion.
Die Detailaufnahme der Trompete (diese in ihrer Symbolik als Weckruf) zeigt: Man sieht das Chaos nur verzerrt und nimmt es nur am Rande wahr und in seinem Inneren herrscht ein dunkles, ein tiefes Nichts.
Laura Langer. Liberty. Portikus, Frankfurt: bis 12. April. www.portikus.de