Aus meiner Sicht
Kennengelernt habe ich Christa Steinmetz durch ihre Auseinandersetzung und die Arbeiten mit dem Material Ton. Spannend fand ich dabei ihren Umgang mit besagtem Material, aber auch, dass sie sich in ihrem Oeuvre, wie ich bald feststellte, nicht nur auf ein Material festlegt, sondern vielfältig arbeitet. Und diese Vielfältigkeit erlaubt es ihr, sich auch breitgefächert den Themen anzunehmen und verschiedene Interpretationen zuzulassen – auch wenn die heutige Ausstellung Aus meiner Sicht heißt; so hat doch ein jeder seine eigene Sicht, seinen eigenen Blick auf seine Umwelt.
Die Künstlerin integriert eigene Fotografien (ihren eigenen Blick durch die Linse) in ihre Arbeiten und arbeitet zudem mit Materialien wie Wachs, Acryl, Öl, Papier und experimentellen Drucktechniken. Dabei kommt es auf die Kombination von Gegensätzen an: des Schweren und Leichten, des Groben und Feinen, des Direkten und Indirekten und des Dreidimensionalen und Zweidimensionalen. Diese Kombination von Gegensätzen ermöglicht durch die Erweiterung der Ausdrucksweisen, private Sichtweisen und den eigenen Blick auf die Welt und ihre Wahrnehmung darzustellen, welche das Abbild innerer Bilder, Empfindungen und Vorstellungen sind.
Die Arbeiten leben neben der Auseinandersetzung mit Form und Inhalt, von dem Spiel mit der Zeit.
Ihre Collagen leben von der Zerstören und dem gleichzeitigen Zusammenfügen; Dekonstruieren und Konstruieren; aus Einzelteilen etwas Neues machen der neu zusammensetzen; die verschiedenen Schichten durchscheinen lassen. Es wird ein neues Ganzes geschaffen, indem verschiedene Elemente auf eine Unterlage zusammengefügt werden. Anders als bei den Monotypien. Dort konkurriert nämlich die Auffassung des Bildes als Fläche, die den Einblick in einen virtuellen Raum eröffnet, mit der Auffassung als Oberfläche, auf der gewisse künstlerische Operationen vollzogen werden können.
Anders ist es bei der Collage.
Bei den Collage-Arbeiten springt vor allem eine Arbeit ins Auge: Die Gitarre.
Dem Betrachter eröffnet sich nicht nur ein neuer, virtueller Raum, mit der Auffassung als Oberfläche. Die Collage geht noch weiter: Sie bestimmt das Bild nicht nur als Erscheinungsort von Dingen im Raum, sondern zugleich als eine materielle Grundfläche, auf die man etwas kleben kann. Mit ihrem Montageverfahren, das Schnitt und Aneinanderfügung verbindet, lässt die Collage auf ihre Weise Faktur und Fraktur ineinander aufgehen.
Besonders die Gitarre scheint in diesem Zusammenhang interessant: Die Teile der Gitarre sind versetzt zueinander angebracht. Zusammengehörende Teile werden auseinander gezogen, es entspringt ein klaffender Zwischenraum, der sozusagen aus dem Nichts heraus entsteht. Dieser ungreifbare Zwischenraum erhält zudem Tiefe, indem zwischen den Gitarren-Teilen weiteres Papier angebracht ist. Der Raum ist nicht-illusionistisch, d.h. sie lassen sich nicht als zweidimensionale Darstellung einer außerbildlich vorstellbaren räumlichen Situation begreifen. Beim Übereinanderkleben der Papierausschnitte wir das Verhältnis vom buchstäblichen und illusioniertem Raum umgekehrt.
Die Veränderungen der Form bei einer Collage können zum Teil rekonstruiert oder erahnt werden. Gerade der Bezug zur Litfaßsäule ist ein Bezug zum Verlauf der Zeit und zeigt, dass die Zeit der Weg ist, um zu dem Kunstwerk zu gelangen.
Gerade an Litfaßsäulen überklebt man alte Werbung mit neuer; beim Herunterreißen von Werbung werden dann häufig die verschiedenen Schichten sichtbar.
Christa Steinmetz hat die verschiedenen Schichten einer Litfaßsäule konserviert. Sie hat die Schichten der Litfaßsäule abgezogen, eingeweicht und auf einer Holzleinwand und mit Wachs konserviert, z.T. mit Farbe drüber gemalt und somit den Prozess der Zeit sichtbar gemacht und so mit einer Dé-collage gearbeitet. Sie hat Oberflächen abgerissen, Plakate abgerissen, um die darunter liegenden Sichten (=die vergangenen Zeit) sichtbar zu machen.
Christa Steinmetz bezieht eigene Fotografien in ihre Arbeiten mit ein. Es sind keine klassischen, realistischen Fotografien, sondern private Sichtweisen und Wahrnehmungen, die geschichtet, verändert und kombiniert werden. Es handelt sich um kein Abbild der allgemeinen Wirklichkeit, sondern vielmehr um das ihrer inneren, eigenen Empfindungen. Die Fotografien dienen nicht als wahrheitsgetreue Abbildung der Realität.
Es geht um kein reales Abbild der Wirklichkeit (>Mimesis); keine bestimmte (geometrische) Ordnung (auch wenn diese zum Ursprung gehabt); die Ordnung wird vielmehr in Frage gestellt; de-konstruiert.
Der Betrachter sieht den Ursprung oder auch nicht den Schaffensprozess, sondern das Endresultat. Der Prozess ist lediglich zu erahnen.
Bei der Malerei sind es die Pinselstriche des Farbauftrags, bei der Skulptur ihre Form, die den Weg beschreibt und bei der Collage sind es die verschiedenen Schichten und verschiedene Ebenen, die untereinander durchscheinen. (>Adorno: Kunst nicht als Nachahmung, sondern als Schaffensprozess)
Bei einer Arbeit handelt es sich um ein Triptychon. In seiner kompositionellen Ausgewogenheit zwischen der Leere des Bildraumes und der schwarzen Gestaltung, erinnert es an die Arbeiten des baskischen Künstlers Eduardo Chillida, der das Abwesende in seinen Arbeiten sichtbar machte. Gezeigt wird aber vielmehr ein afrikanischer Baum, ein Kandelaber-Baum, der gegen das Licht und gegen den Himmel fotografiert wurde. Die Fotografie wurde dann soweit abstrahiert, dass der Baum als solcher nicht mehr erkennbar ist. Das, was wir, die Betrachter*innen, als Abbildung der Natur erwarten, das finden wir eigentlich nur noch in unserer Empfindung. Empfinden wir das als Baum? Dann ist ein solcher auch abgebildet.
Thematisch arbeitet Christa Steinmetz mit Architektur, urbanen Strukturen und orientiert sich dabei an klaren Formen und Mustern. Es sind gegenständliche Formen, die sie reduziert, verfremdet, vielschichtig überlagert, verändert und kombiniert und verflächigt somit den Bildraum. Dabei geht es ihr um kein reales Abbild der Wirklichkeit, sondern vielmehr um den Gedanken und den Prozess der Veränderung. (>Immanuel Kant)
Die Formen der Architektur werden organisch; Skulpturen können auf verschiedene Arten aufgestellt werden und durch neuen Blickwinkel wie etwas Neues aussehen; vielschichtige Motive, die den steten Wandel aufzeigen. Und auch hier geht es ja um das Gefühl, das im Betrachter ausgelöst wird. Handelt es sich um ein Haus, oder um das Symbol eines Hauses, das was wir glauben, als Haus zu sehen.
Wofür steht das Haus als Symbolik? Welche Assoziationen teilt man damit?
Ebenso das Schiff à ist es ein Symbol des Kommen und Gehen? Ein Symbol der Flucht?
Gerade die Skulpturen spielen mit dem Bruch von Statik und Ordnung und scheinen langsam ins Organische überzugehen. Wir als Betrachter befinden uns in schwebenden Traumwelten. Die Architektur-Keramiken leben auch davon, dass sie so geschaffen sind, dass sie auch funktionieren. Ihre Ordnung / ihre Form ist nicht mehr an der Realität orientiert, sondern erweitert diese und greift auch Formen der Natur auf. (>vgl. ).
Ein jedes Haus arbeitet nach seinem eigenen System und hat seine eigene Struktur.
Die Wahrnehmung wird auf sehr unterschiedliche Weise gesteuert und spiegelt auch immer einen Teil des Betrachters wider.
Veränderung von Sichtweisen; Bekanntes kann unbekannt werden; Assoziationen eröffnen neue Horizonte
Das passiert durch vielfältige Bedeutungssphären, Strategien der Verfremdung und den jeweils anderen Blickwinkel eines jeden Betrachters.
Das Zusammenspiel verschiedener Techniken und Medien, der Dialog untereinander und ihr Blick sowie der Blick des Betrachters, lässt die Arbeiten von Christa Steinmetz spannend werden. Keine Deutung ist final und festgelegt, sondern ebenso vielfältig und deutungsbreit, wie die Arbeiten formal vielfältig und mehrsinnig sind. Vor allem leben durch das Spiel zwischen Zweidimensionalität und Dreidimansionalität. Oft greifen die Skulpturen nämlich das auf, was auf den Bildern ja zu sehen ist und führen es weiter.
Als Bildhauer, aber auch als Maler oder Fotograf ist man Schöpfer von Neuem. Eine Idee verwandelt sich mit der Zeit und im Laufe des Schaffensprozesses.
Werke bekommen ihre Lebendigkeit durch den Prozess der Veränderung; unter der Deutung und den Blickwinkel des Betrachters erlebt es dann seine Fortsetzung; denn etwas zu betrachten (in der Welt anwesend zu sein) bedeutet immer, es aus einer (subjektiven / eigenen) Perspektive heraus zu betrachten.
Die Arbeiten von Christa Steinmetz lassen sich nicht auf ein einziges Medium oder einen einzigen Arbeitsprozess festlegen; dazu sind sie zu vielfältig und vielschichtig und können auch in keine Kunstform gepresst werden. Sie selbst ist es, die sich die Regeln gibt und so ihre Freiheit wahrt. Sie taucht ein, in ein eigenes Universum, um sich zu (er)finden und den Betrachter mit auf diesen Weg zu nehmen. Denn nicht nur der Künstler zeichnet sich in das Werk mit ein, sondern auch der Betrachter. Deswegen sehen wir heute alles und die Menschen in den Arbeiten sind alle abstrahiert, schemenhaft und anonymisert. Es wird keine Deutung und keine Identifikation vorgegeben.