Claudia Andujar: Morgen darf nicht gestern sein
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Wie tief verwurzelt sind heute Rassismus und Imperialismus? Wie weit entfernt sind wir von der Idee, dass alle Menschen gleich sind. Selbst Immanuel Kant, Philosoph der Aufklärung und Miterfinder universeller Menschenrechte, war der Auffassung, der Entwicklungsstand eines Menschen richte sich nach der ethischen Abstammung.
Im MMK1 sind derzeit einige Arbeiten von Claudia Andujar ausgestellt. Ihre Bildserien zeigen Metropolen des Landes und das Amazonasgebiet. Die Gegensätze und Diversität des Landes. Einen Schwerpunkt ihrer Arbeit markiert ihre Auseinandersetzung mit dem indigenen Volk der Yanomani, die im Amazonasgebiet in Brasilien und Venezuela beheimatet sind.
Als junges Mädchen flieht Claudia Andujar vor der Verfolgung des NS-Regimes. Ihr Vater und ein großer Teil der Familie kommt im Konzentrationslager Dachau ums Leben. Andujar emigriert zu ihren Onkel in die USA, folgt aber bald ihrer Mutter nach Brasilien. In Unkenntnis der portugiesischen Sprache wird die Kamera ihr Sprachrohr, ein Mittel der Kommunikation und hilft, ihre Gefühle auszudrücken. Als Fotojournalistin wird sie in das Land der Yanomani geschickt und fasst den Entschluss, dort zu bleiben. Andujar kehrt ihrem bisherigen Leben den Rücken.
Sie beginnt einen Fotoessay und versucht, das Leben der Yanomani zu dokumentieren. Ihre Riten, gemeinsame Tänze, Köperbemalungen. Die Fotografien entstehen ohne jegliche Wertung. Es sind intime Fotografien. Andujar taucht in die Kultur der Yanomani ein. Andujar beginnt sich für die Bevölkerung der Yanomani einzusetzen, denn der „weiße Mann“ dringt immer wieder in seinen Lebensraum ein: Die Militärregierung erbaut eine Autobahn durch den Amazonas, Minenunternehmen suchen nach Eisenerz. In den 80er Jahren setzt dann der Goldrausch ein. Goldarbeiter arbeiten illegal im Land der Yanomani und bringen tödliche Krankheiten wie Grippe oder Masern. Andujar möchte die Bevölkerung der Yanomani registrieren lassen. Sie macht Porträtbilder, um Krankenakten für sie zu erstellen und sie impfen zu lassen. Da die Yanomani keine Namen haben, werden sie durchnummeriert. Diese Art der Markierung hat einen bitteren Beigeschmack: Sie anonymisiert, scheint dem Dargestellten die Würde abzusprechen. Erinnerungen an die Häftlinge aus den Konzentrationslagern werden wach. Die Yanomani werden aber nicht markiert, um den Tod zu finden, sondern um zu leben.
Die Bemühungen von Andujar gipfeln darin, dass die brasilianische Regierung das Land der Yanomani anerkennt und ihnen Land zuspricht. Doch auch dieser Entschluss steht auf wackeligen Beinen: Goldgräber dringen nach wie vor in das Amazonas-Gebiet ein und Minenarbeiten im Land der Yanomani sollen erlaubt werden.
Claudia Andujar, ob nun Aktivistin oder Fotografin – in ihren Arbeiten zeigt sie die Konflikte des Landes, setzt sich mit diesen auseinander und skizziert ein Panorama des Landes, ein Panorama zwischen Stadt und Natur und zeigt die verschiedenen Lebensräume Brasiliens und die Menschen des Landes.
Der Ausstellungstitel "Morgen darf nicht gestern sein" zeigt mit Blick auf die Vergangenheit, dass historische Parallelen zu Brasiliens Gegenwart auftauchen.
Claudia Andujar: Morgen darf nicht gestern sein MMK 1 18. Februar – 25. Juni 2017