DER ROTE FADEN - Gedanken Spinnen Muster Bilden
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Sie sind fest in unseren Sprachgebrauch integriert und wir verwenden Sie ganz nebenbei ohne uns Gedanken darüber zu machen: „Verknüpfungen“, „den Faden verlieren“, „verhaspeln“, „verknoten“ – unsere Sprache ist durchsetzt mit Bildern aus dem Bereich der Textilherstellung.
Wir scheinen auch gar nicht darüber nachzudenken, woher diese Redewendungen kommen und wie sehr sie mit Textilien „verwoben“ sind – und auch, dass sie in vielen Märchen und Mythen verankert sind, hinterfragen wir nur selten.
Doch nicht nur im Wortschatz, auch Stoffe und Fäden, Textilien, begleiten uns in unserem Alltag – und auch darüber machen wir uns kaum mehr Gedanken, genauso wenig wie über den Herstellungsprozess von Textilien. Wir machen uns kaum Gedanken darüber, was wir tragen oder wie die Kleidung hergestellt wird, denn Fäden, Stoffe und Muster begleiten uns wie selbstverständlich in unserem Alltag, genauso wie textile Begriffe den Sprachgebrauch prägen.
In Südamerika hingegen ist Weben mehr als nur ein Handwerk. So lernen beispielsweise die Mädchen des Tacana-Volks in Bolivien beim Weben zu kalkulieren und sich zu erinnern. Sie beginnen bereits im frühen Alter mit ersten Webübungen. Neben der Musterkunst sind Geometrie und Zahlensysteme wichtige Lernfaktoren. Ihre Handarbeit stimuliert kognitive Fähigkeiten, wie etwa räumliches und mathematisches Denken – übrigens stammen viele Mathematiklehrer in Peru aus Weberfamilien.
Wer hätte außerdem gedacht, dass ein Webstuhl die Grundlage für den ersten Computer war? Joseph-Marie Jacquard entwickelte 1805 einen Webstuhl, der per Lochkarte programmiert wurde. Ein Prinzip, das für frühe Rechenmaschinen übernommen wurde.
Interessanterweise entwickelten sich auf der Welt ähnliche Webmuster, -strukturen und -techniken ohne dass ein Austausch unter den Kulturen stattgefunden hätte. Sie entwickelten ihr Wissen, Denkmuster und Techniken unabhängig voneinander und stimmen doch in vielen Punkten miteinander überein.
Auch Künstlerinnern und Komponisten widmen sich der Symbolkraft. Shan Goshorn und Sarah Sense haben sich mit ihrer Vergangenheit und dem Erinnern beschäftigt. Goshorn, die zu den Cherokees gehört, orientiert sich an den Flechttechniken ihrer Vorfahren. Dazu verwendet sie Papier, das sie bemalt oder mit Liedern oder Geschichten beschriftet. Sie befasst sich mit Traumatia wie Genozid, Vertreibung und Zwangsassimilation. Beide Künstlerinnen führen vor Augen, welche Dimensionen Textilien haben können.
Auch junge Komponisten von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Tobias Hagendorn und Raphael Languillat, haben sich mit Objekten aus der Sammlung des Museums befasst und sich zu zwei Musikstücken inspirieren lassen. So wurde in Ikat-Tuch aus Indonesien Inspiration für ein elektronisches Stück.
Den Bogen in die Gegenwart spannt Maren Gebhardt. In „Fäden der Moderne“ verarbeitet eine übergroße Strickliesel Glasfaser zu einer Strickschnur – Sie zeigt auf, wie sie Menschen weltweit mittels Datenkabel miteinander verknüpfen.
>>Eine komplexe, vielschichtige und immer wieder sehr anregende Ausstellung. Der rote Faden - Gedanken Spinnen Muster Bilden
17. November 2016 - 27. August 2017
Weltkulturen Museum